Das erste Quartal 2020 an Bord der Fregatte BRANDENBURG

Liebe Freunde und Förderer der Fregatte BRANDENBURG,

 

endlich ist unser „Roter Adler“ wieder häufiger in See, und dies will ich zum Anlass nehmen, bereits auf ein Quartal Rückblick zu nehmen und nicht erst nach einem halben Jahr.

Zudem ist es gerade jetzt in der aktuellen Situation, in dem die direkten soziale Kontakte auf ein Minimum heruntergefahren sind, in meinen Augen sehr wichtig, einen virtuellen Kontakt zu halten. Und so soll auch dieser Rückblick dazu beitragen, den Kontakt zwischen Schiff und Besatzung und unseren Freunden, Förderern und Ehemaligen nicht abreißen zu lassen.

Das Jahr 2020 begann bereits sehr früh für die Besatzung. Bereits am 6. Januar war die Besatzung zurück an Bord, um das Schiff für die bevorstehende Seefahrt auszurüsten und klar zu machen. Dies beinhaltete einen Munitionsumschlag, der aus Sicherheitsgründen an einer gesonderten Pier stattfindet, zu der das Schiff verlegen muss.

In der Folgewoche, am 13. Januar lief das Schiff mit einer großen Anzahl von Ausbildern an Bord zu einer zweiwöchigen Seefahrt in die Nordsee aus. Die Kameraden der Gruppe Einsatzausbildung ha ben uns in den vierzehn Ta gen Seefahrt sehr intensiv ausgebildet und uns mit diver sen „Feuer im SchiffÜbun gen“, „Mann über BordManövern“, Stationsausbildung und simulierten Nebelfahrten intensiv auf die Seeklarbesichtigung See am 30. Januar vorbereitet. Diese Zertifizierung (wie man ja neudeutsch immer sagt), ist der zweite Teil der Seeklarbesichtigung, deren ersten Teil (die See klarbesichtigung Hafen) wir bereits im November erfolgreich absolviert hatten.

Ein bisschen Aufregung war vermutlich schon bei der Besatzung vor handen, als unser Kom mandeur, Kapitän zu See Scherrer, Ende Ja nuar dann an Bord kam, um uns bei der eintägi gen Seefahrt zusam men mit seiner Prüf gruppe daraufhin zu prüfen, ob wir sicher am Seeverkehr teilnehmen können und in der Lage sind, Maßnahmen ge gen Notfälle an Bord richtig und sicher durch zuführen. Die Aufre
gung war umsonst – die Besatzung hat Hervorragendes geleistet und die anstren gende und harte Ausbildung in den Wochen zuvor hat sich ausgezahlt – Fregatte BRANDENBURG hat die Seeklarbesichtigung ohne Zweifel bestanden!

Im Februar stand hingegen keinerlei Seefahrt an, die 29 Tage wurden dazu genutzt, fällige Prüfungen, Instandsetzungen, notwendige Ausbildung in den verschiedensten Bereichen und die Ausrüstung für die nächste Seefahrt durchzuführen. Wer glaubt, dass vier Wochen im Hafen eine lange Zeit sind, konnte erleben, wie die Zeit nur so dahinflog und wir alle Mühe hatten, die notwendigen Maßnahmen in dieser Zeit ab zuschließen.
Gleich am 2. März ging es für uns dann wieder in See! Die ersten vier Tage standen jede Menge Erprobungen der Leistungsfähigkeit Maschinenanlage, Zusammenarbeit mit Bordhubschraubern, TäuschkörperSchießen und andere Vorhaben an, ehe wir nach Ulsnes in der Nähe von Stavanger in Norwegen verlegten. Für diese Seefahrt, die für drei Wochen geplant war, hatten wir einen Hörsaal Offizieranwärter einge schifft, die Eindrücke vom Bordleben sammeln sollten.

In Ulsnes in Norwegen – dem ersten Auslandshafen nach fast zwei Jahren – ging es in einer Einrichtung der NATO darum, die Genauigkeit und Zuverlässigkeit unserer Sensoren (optische Sensoren, Kompassanlage, Radaranlagen etc.) zu überprüfen. Das sogenannte FORACS (NATO Naval Forces Sensor and Weapon Accuracy Check Site) ist im
mer notwendig, wenn ein Kriegs schiff eine längere Instandsetzung hinter sich hat, um sicher zu gehen, dass alles wieder so funktioniert, wie es soll.

Die Teste verliefen gut, aber dann ka men wir leider die Auswirkungen der aktuellen Corona Pandemie zu spü ren. Da Norwegen seine Grenzen für Ausländer schloss, wurden wir höflich aber unmissverständlich gebeten, nicht mehr den nächsten geplanten Hafen Bergen anzulaufen (auf den sich die Besatzung sehr gefreut hatte), sondern wir mussten die Auslandsreise abbrechen und bereits– nach einer sehr stürmischen Rückfahrt – eine Woche früher in Wilhelmshaven einlaufen.

Neben der Ungewissheit, wie es generell weitergeht und den dras tischen Maßnahmen in unserem Land war da eine latente Sorge bei fast jedem von uns, ob man sich selbst oder dass sich nach Ver wandte und Freunde angesteckt haben könnten. Denn eines ist klar und auch nicht zu ändern: ein „social distancing“, also das Ein halten bestimmter Verhaltensre geln und ein Mindestabstand beim Kontakt mit anderen Menschen ist an Bord nicht 1:1 umsetzbar.

Und dennoch geht der Dienst weiter, gerade für uns Soldaten. Denn an der Einsatzvorbereitung und der Durchführung der Einsätze wird weiter festgehalten. Das mag sich nicht jedem erschließen, aber Krisen und Konflikte nehmen leider keine Rücksicht auf Viruserkrankungen und unser Staat benötigt funktionierende Sicherheitsorgane und Streitkräfte!

Bereits eine Woche später stand daher schon wieder Seefahrt für uns an. Von unserem jüngeren Schwesterschiff SCHLESWIGHOLSTEIN übernahmen wir ein See fahrtsvorhaben, welches sie aufgrund technischer Probleme nicht durchführen konnte. Beim sogenannten HC/DLQ (Helicopter Controler & Deck Landing Qualifica tion) geht es darum, die HelicopterController (also quasi die bordeigenen Fluglot sen), das Flugbetriebsteam unserer Schiffe und die Besatzungen der Bordhub schrauber auszubilden und zu qualifizieren.

Bei besten Wetterbedingungen konnten wir unzählige Starts und Landungen mit den beiden für das Vorhaben eingeschifften Bordhubschraubern vom Typ SEA LYNX auf unserem Flugdeck durchführen. In den Zeiten ohne Flugbetrieb (auch Piloten müs sen mal schlafen) wurden weitere Übungen, vor allem für unsere Wachoffiziere auf der Brücke durchgeführt. Die beiden Wochen auf See haben uns und die Hubschrau berbesatzungen in der Ausbildung sehr weit nach vorne gebracht.

Nun befindet sich die Besatzung in einem (vermutlich gefühlt viel zu kurzen) Oster urlaub, bis auf die Wache haben wir quasi das Schiff „abgeschlossen“, denn direkt nach Ostern geht es weiter. Ab „Osterdienstag“ wird das Schiff wieder auf die See fahrt vorbereitet und dann geht es weiter mit der Einsatzausbildung, denn im zweiten Quartal stehen die Schadensabwehrgefechtsausbildung (SAGA) und der German Operational Sea Training (GOST) an, die uns sehr viel abverlangen werden, uns aber fit und einsatzklar für den bevorstehenden Auslandseinsatz in der zweiten Jahres hälfte machen werden.

Eine kleine Besonderheit gibt es noch zu berichten, da sie ein meines Erachtens ein schönes Beispiel für das besondere Miteinander an Bord und unsere Verbundenheit mit dem Patenland ist:
In der Offiziermesse gibt es bereits seit 2015 einen (Stoff) Pinguin, der sich dort nach dem letzten Besuch in Südafrika sesshaft gemacht hat. Seit einigen Wochen gibt es einen laufen den Bordbefehl zu diesem Pinguin, der ihm einen Namen gab (Kowalski; dem schlausten der vier Pinguine aus dem Zeichentrickfilm „Madagascar“) und den Auftrag erteilte, den Pinguin besser ins Bordleben zu integrieren.

Einige Kameraden haben das sehr wörtlich genommen, und Pinguin Kowalski entführt! Es begann ein „Katz und MausSpiel“ zwischen der Offizier und der Porteppeunteroffizier Messe um die Freilassung des Pinguins und die entsprechenden „Lösegeldforderungen“. Kowalski brachte dies in zahlreiche Situationen (unter anderen hinter Gittern und auf einen Mitflug im Bordhubschrauber) und letztlich die Auslösung durch die Offiziere. Es wa ren sehr lustige Situationen und Bilder dabei und die Portepeeunteroffiziermesse hat es zum Anlass genommen, €100, dem Trebbiner Kinder und Jugendheim e.V. zu spenden. Das Geld wird bei unserem nächsten Besuch überreicht werden – Kowalski wird sicherlich mit von der Partie sein!

 

 

Ich wünsche Ihnen und Euch alles erdenklich Gute, die nötige Gesundheit, Kraft und Leidensfähigkeit, diese für uns alle sehr ungewöhnlichen und belastenden Zeiten gut zu überstehen.

 

Hackstein
Fregattenkapitän