Heimatbrief Nr. 1

Souda Bay, 29.03.2017

 

Liebe Familienangehörige und Freunde der Fregatte Brandenburg,

heute möchte ich mich zum ersten Mal mit einer „Heimatinformation“ an Sie wenden und von der Überfahrt nach Souda Bay auf Kreta berichten.
Nach vielen Wochen intensiver und anstrengender Vorbereitung sind wir, bei typischem Wilhelmshavener Schmuddelwetter, am 20. März pünktlich um 11:00 Uhr zu den Klängen des Luftwaffenmusikkorps aus Münster und begleitet von Saltutschüssen unserer Freunde der „Potsdamer Riesengarde Lange Kerls“ aus unserem Heimathafen ausgelaufen.

Neben vielen Familienangehörigen und Freunden wurden wir am Auslauftag auch von einer politischen Delegation aus unserem Patenland verabschiedet. Der brandenburgische Minister für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft, Jörg Vogelsänger, überbrachte uns Grüße und die besten Wünsche des Ministerpräsidenten und eine Delegation des brandenburgischen Landtages sowie der Kommandeur des Landeskommandos Brandenburg, Oberst Detlefsen, verabschiedeten sich ebenfalls persönlich mit den besten Wünschen von „ihrer Brandenburg“ und überbrachten auch Grüße und Geschenke des Reservistenverbandes Brandenburg und unseres Freundeskreises „Fregatte Brandenburg“ (www.fregatte-brandenburg.de oder auf Facebook „Freundeskreis Fregatte Brandenburg“).

Nachdem auch an Bord zahlreiche Abschiedstränen getrocknet waren, machten wir uns auf den Weg aus der Jade Richtung Helgoland. Unmittelbar nach Auslaufen wurde Besatzung durch sogenannte Stellproben für die wichtigsten Not-Manöver („Feuer im Schiff“ und „Mann über Bord”) auf die vor uns liegende Überfahrt eingestellt. Es war unsere Absicht, „Flugbetrieb“ mit einem Hubschrauber durchzuführen um sowohl den Piloten des Marinefliegergeschwaders aber auch unserer Besatzung die Möglichkeit zu bieten, das Verfahren im Umgang mit Bordhubschraubern und die dazugehörigen Starts und Landungen auf einer Fregatte zu üben. Leider meinte es das Wetter nicht gut mit uns bzw. den Hubschraubern. Regen und schlechte Sicht in Nordholz (dem Heimatstützpunkt aller Marinehubschrauber) ließen einen Start der Maschine nicht zu. Für uns die erste Enttäuschung des Tages – der Flugbetrieb musste ausfallen. Wir nutzten die Zeit für weitere „Mann über Bord“ Übungen und trafen die letzten Vorbereitungen für das auf uns zukommende schlechte Wetter.

Die Nacht über verblieben wir vor der Insel Helgoland, da wir am Dienstag noch ein Luftzielschießen durchführen wollten. Die nächste Enttäuschung ließ aber leider nicht lange auf sich warten. Das Zieldarstellungsflugzeug war zwar pünktlich im Schießgebiet, konnte aber wetterbedingt sein Schleppziel nicht ausbringen.

Nachmittags machten wir uns dann mit hoher Fahrt auf den Transit Richtung Englischer Kanal. Auf dem Weg Richtung Kanal begegnete uns die Fregatte Hessen auf dem Heimweg nach Wilhelmshaven. Per Morselampe hat uns die Besatzung eine gute Fahrt und gesunde Heimkehr gewünscht.

Mit dem Transit begann auch der Seegang merklich zuzunehmen. Bei vielen Besatzungsangehörigen wich die gesunde Gesichtsfarbe einem blass-fahlen-grünlichem Anblick. Das passiert auch erfahrenen Seefahrern 🙂 und alle haben gut gegen ihre Seekrankheit angekämpft. Die unruhige See hat uns dann durch die Biskaya und entlang der Küste Portugals begleitet. Zum Glück jedoch weniger schlimm als zunächst durch die „Wetterfrösche“ vorhergesagt. Die maximale Wellenhöhe betrug etwa 4 bis 5 Meter.

In den frühen Morgenstunden des 25. März sind wir bei niedriger See und merklich steigenden Temperaturen in den Sonnenaufgang hinein durch die Straße von Gibraltar gefahren. Ziel war die Bucht von Algeciras um dort zu „tanken“.
Direkt nach der Passage der Straße von Gibraltar durften wir dann direkt die so viel zitierte „mediterrane Gelassenheit“ live erleben.

Der Aussage des Lotsen, der Kraftstofftanker käme gegen 12:30 Uhr (Ankern war um 09:30), folgte eine lange Wartezeit, zahlreiche Telefonate mit dem Agenten, der Betreiberfirma und dem Skipper des Tankers. – Zunächst ergebnislos und uns blieb nichts anderes übrig als zu warten. Längsseits war das Tankschiff dann um 21:00 Uhr und die lang ersehnte Kraftstoffübernahme konnte endlich beginnen. Gegen 02:00 Uhr am Sonntagmorgen hatten wir schließlich ca. 380 m3 (also 380.000 Liter) Dieselkraftstoff übernommen und konnten den Anker lichten. Um 03:00 Uhr hatten wir die Bucht von Algeciras dann verlassen. Ursprünglich hatten wir sechs Stunden Ankeraufenthalt eingeplant. 😉

Die verlorene Zeit galt es nun durch entsprechend hohe Geschwindigkeiten wieder „reinzufahren“. Zwar außerhalb der Hoheitsgewässer aber doch nah an der Küsten Nordafrikas entlang ging es nun bei bestem Wetter weiter Richtung Osten.

Auf unserem Weg entlang der Küsten Marokkos, Algeriens und Tunesiens, nördlich an Malta vorbei und dann mit direktem Kurs Richtung Kreta haben wir die Zeit genutzt für weitere Ausbildungen in allen Bereichen – Brand-/ Schadensabwehr, wir haben das an Bord nehmen von in Not geratenen Personen geübt aber auch die Abwehrbereitschaft der Besatzung weiter geschult. Natürlich wurde in allen Bereichen auch PME, also planmäßige Materialerhaltung, betrieben. Es wurde entrostet und gepönt (gestrichen) und viele Besatzungsangehörige haben das tägliche Sportangebot der für diesen Einsatz eingeschifften Kameraden der Feldjägertruppe und unserer eigenen Sportoffiziere gerne angenommen. Bei 17°- 19°C Lufttemperatur macht abendlicher Sport auf dem Flugdeck nicht nur fit sondern auch Spaß.

Am Dienstag, 28.03. wurde das Wetter dann wieder etwas schlechter, der Wind nahm zu und es regnete. Auch die See hat leicht zugenommen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an gutes Wetter, Sonnenschein und ruhige See gewöhnen kann.

Am Mittwochmorgen wurde die Besatzung um 06:00 Uhr geweckt und wir befanden uns in direkter Ansteuerung auf den Hafen Souda Bay. Nach einem aufregenden Anlegemanöver haben wir um 10:00 Uhr Ortszeit, Heck an Heck zu der Fregatte Sachsen, die wir jetzt als Flaggschiff des Verbandes ablösen, in dem NATO-Hafen auf Kreta festgemacht. Bei angenehmen 15° Lufttemperatur haben wir unmittelbar mit den Vorbereitungen zum Umzug des internationalen Stabes von der Sachsen auf die Brandenburg begonnen.

Vor uns liegt nun ein anstrengender Hafenaufenthalt. Der Führungsstab um Admiral Deertz zieht zu uns an Bord, es warten schon die ersten Materiallieferungen aus der Heimat und wie in jedem “Gefechtsausbildung” auf der Brücke. Hafen sind natürlich auch hier kleinere Instandsetzungen und Reparaturen durchzuführen. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir auch Zeit finden werden, um den Frühling auf Kreta etwas zu genießen und Kraft für die vor uns liegenden Aufgaben zu tanken.

Sicherlich fragen sich viele von Ihnen „Was ist eigentlich der Auftrag der „Brandenburg“ in der Ägäis?“ Ich möchte versuchen, Ihnen diese Frage zu beantworten:

Bereits seit Jahren gibt es zwischen dem türkischen Festland und den östlichen griechischen Inseln einen unkontrollierten und ungeordneten Migrationsstrom. Im Jahr 2015 kam es aus verschiedenen Gründen zu einem extremen Anstieg der Migrationsbewegungen. In 2015 überquerten insgesamt rund 853.000 Menschen die Ägäis (meist mit Hilfe von illegalen Schlepperbanden), das waren fünfmal so viele wie in 2014. Der in dieser Größe bisher nicht gekannte Migrationsstrom ließ die griechischen Aufnahmelager schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Im Februar 2016 beschlossen die Bundesregierung und die türkische Regierung das von dem Migrantenstrom betroffenen Seegebiet stärker zu überwachen und die Zusammenarbeit zwischen griechischer und türkischer Küstenwache sowie FRONTEX (die EU-Grenzschutzagentur wurde 2005 gegründet und soll dazu beitragen, die EU-Außengrenzen zu schützen) zu verbessern. In diesem Zusammenhang wurde beschlossen, die NATO um Unterstützung zu bitten.

Die NATO-Verteidigungsminister kamen überein, dass das Bündnis einen Beitrag zu den bisherigen europäischen Maßnahmen gegen Schleuserkriminalität in der Ägäis leisten wird. Diesen Auftrag sollte die „Standing NATO Maritime Group 2“, also der ständige NATO Einsatzverband übernehmen. Dieser Verband stand seinerzeit unter deutscher Führung und die Schiffe des Verbandes haben Anfang März 2016 mit ihrer Patroullientätigkeit in der Ägäis begonnen.

Die NATO leistet in der Ägäis also einen Beitrag zur Lagebilderstellung – und arbeitet dazu mit der griechischen und türkischen Küstenwache und FRONTEX zusammen. Aus diesem Grund haben wir auf der Brandenburg als Führungsschiff des Verbandes zusätzlich zu dem internationalen NATO-Stab des deutschen Verbandsführers (Flottillenadmiral Deertz) auch einen türkischen und einen griechischen Verbindungsoffizier sowie einen Verbindungsbeamten zu FRONTEX an Bord. Ziel ist es, Informationsaustausch und Reaktionszeiten zu verbessern, damit nationale Behörden gegen Schlepper vorgehen können.

Unser Kernauftrag ist „Beobachten und Melden!“ Wir haben nicht den Auftrag, gegen Schlepper oder Schleuser vorzugehen, sondern durch unsere Aufklärung Transparenz über das Vorgehen von Schleusern herzustellen. Auch gehört das Aufnehmen und Verbringen von Migranten in ein EU-Land nicht zu den Aufgaben des Verbandes. Ebenso wenig das Zurückweisen von Flüchtlingen oder die Übernahme der Aufgaben der Küstenwachen in der Ägäis.

Selbstverständlich gilt auch hier in der Ägäis, dass Schiffbrüchige ohne Ansehen der Person gerettet werden – dies ist die Pflicht eines jeden Seemanns!
Somit ist die Seenotrettung auch nicht Teil unseres militärischen Auftrages, sondern immer und überall geltende Verpflichtung! Allerdings sind die Behörden eines Landes in den eigenen Hoheitsgewässern für den Such- und Rettungsdienst verantwortlich. In unserem Operationsgebiet Ägäis sollen daher im Regelfall auch Fahrzeuge der griechischen und türkischen Küstenwache Menschen übernehmen, die aus Seenot gerettet wurden.

Ist das, was die NATO tut erfolgreich und sinnvoll?
Im Jahr 2016 überquerten rund 173.000 Menschen die Ägäis, was einem Rückgang gegenüber 2015 von rund 79% entspricht. Seit Beginn der NATO-Aktivität im März 2016 gelangten rund 28.000 Menschen über die Ägäis. Das entspricht der Zahl, die Ende 2015 (vor dem NATO-Einsatz) noch in drei bis vier Tagen (!) erreicht worden war.
Im Januar 2017 ging die Zahl auf etwa 1.400 Menschen zurück.

Ich hoffe, dass Sie nun besser einordnen können, was die Brandenburg die nächsten Monate machen wird. Ich werde aber auch zukünftig über unsere Erlebnisse berichten.

Bis zum nächsten Mal, Ihr

Christian Scherrer

Fregattenkapitän

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