Heimatbrief Nr. 3 – Grundkontakt

Liebe Angehörigen und Freunde der Fregatte Brandenburg,

möglicherweise haben Sie bereits Gerüchte bzw. Informationen erreicht oder Sie haben erste Presse- und Onlineberichte gelesen.

Ja, es stimmt – leider – am Montag kam es während des Auslaufmanövers aus dem Hafen von Piräus zu einer Grundberührung. Nachdem wir direkt nach Verlassen des Hafens geankert haben wurde durch unsere Bordtauchergruppe eine erste Schadensbegutachtung vorgenommen.

Dabei haben wir festgestellt, dass sowohl unsere Ruderanlage als auch der linke Propeller („Schiffsschraube“) bei der Berührung beschädigt wurden.

Und zwar v.a. das Ruder so stark bzw. in einem so ungewissen Zustand, dass ich entschieden haben, den Einsatz zunächst nicht fortzusetzen.

Über Nacht verblieben wir vor Anker und am Dienstag sind wir mit Unterstützung der griechischen Marine und zwei Schleppern (um kein weiteres Risiko einzugehen) in den Marinehafen Salamis eingelaufen.

In der Zwischenzeit werten die Experten zu Hause unsere Beschreibungen und Bilder aus und beratschlagen das weitere Vorgehen. Bis zu einer abschließenden Begutachtung in einem Dock ist derzeit noch offen, wie sich das Schadensbild und der nötige Reparaturumfang darstellt.

Die wichtigste Nachricht ist: es kamen KEINE Personen zu Schaden!!

Bis eine abschließende Entscheidung für ein Docken getroffen wird, werden wir zunächst in Salamis im Hafen liegen bleiben.

Sobald es Neuigkeiten gibt, werde ich Sie informieren.

Drücken Sie uns die Daumen!

 

Beste Grüße

 

Christian Scherrer

Fregattenkapitän

Kommandant Fregatte Brandenburg

Heimatbrief Nr. 2

Piräus, 13.04.2017

Liebe Familienangehörige und Freunde der Fregatte Brandenburg,

 

wie angekündigt folgt heute die nächste „Heimatinformation“ von der Brandenburg.

Unser Aufenthalt in Souda war, wie erwartet, ziemlich ausgefüllt mit Materialerhaltungsmaßnah- men, dem Verstauen von Lebensmitteln und Ersatzteilen sowie dem Umzug des Stabes zu uns an Bord. Dennoch gab es auch ausreichend Zeit zur Erkundung der Hafenstadt Chania. Die „offizielle Übergabezeremonie“ der Aufgabe als Flaggschiff der Standing NATO Maritime Group 2 erfolgte im Rahmen eines gemeinsamen Besatzungsfestes an Bord der Fregatte Sachsen. Die Kombüsen beider Schiffe hatten Spanferkel mit Rotkohl und Knödeln zubereitet und es war ein schöner Abend. In der Nacht vom 31. März auf den 1. April wurde dann die NATO-Flagge bei uns im Mast gesetzt und wir sind nun offiziell das Führungsschiff des Verbandes.

Am frühen Morgen des 1. April haben wir unsere Kameraden der Fregatte Sachsen verabschiedet, die mittlerweile in Wilhelmshaven eingelaufen sind.

Im Laufe des Tages liefen auch die restlichen Schiffe des Verbandes in Souda ein.
Am Abend fand auf unserem Flugdeck ein kleiner Empfang für die Besatzungen der kanadischen Fregatte St. John‘s, der spanische Fregatte Mendez Nunez sowie des spanischen Tanker Patino statt. Da diese drei Schiffe im Schwerpunkt nicht in der Ägäis operieren, war der Empfang eine gute Gelegenheit zum Austausch und zum Knüpfen von Freundschaften unter Seefahrern. Die Brandenburg hat sich als guter Gastgeber präsentiert und das ausgeschenkte Bier aus unserem Patenland fand reichlich Zuspruch bei unseren internationalen Gästen.

Am Abend des 2. April sind wir dann auch selbst aus Souda zu unserem ersten „See-Törn“ ausgelaufen.
Die Zeit nach Auslaufen aus Souda war geprägt von einem Kennenlernen des Seegebiets um die Inseln Lesbos und Chios. Hier wird sich auch für die vor uns liegende Zeit unser Operations- schwerpunkt befinden. An einigen Stellen liegen Griechenland und die Türkei nur etwa 3 Seemeilen auseinander. Im Allgemeinen sind die Gewässer zwischen den Inseln navigatorisch anspruchs- voll aber auch landschaftlich sehr reizvoll. Nach nunmehr 10 Tagen im Operationsgebiet ist uns die Umgebung bereits gut vertraut und es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Pflanzenwelt auf den Inseln im Laufe unseres Einsatzes verändern wird.

Wir interagieren nun täglich mit den Booten der griechischen und türkischen Küstenwache sowie mit den zahlreichen FRONTEX Einheiten hier in der Region. Wir machen regelmäßig migrationsbedingte Beobachtungen, die wir dann an die nationalen Autoritäten und FRONTEX weitermelden.

Im Rahmen des Empfangs am 1. April wurde zwischen den Schiffen des Verbandes vereinbart, einen Tag lang gemeinsame Übungen und Manöver durchzuführen. Am 9. April war es dann so- weit und wir trafen auf See mit den beiden spanischen Schiffen zusammen. Als erste Übung sollte die Brandenburg den spanischen „Embargo-Brecher“ Patino vor dem Passieren einer imaginären „Ziellinie“ hindern. Trotz des Schutzes der Patino durch die Mendez Nunez ist uns dieser Auftrag durch ein taktisch kluges Verstecken hinter einer kleinen Insel hervorragend gelungen und der „Sieg“ in diesem Spiel ging an uns.

Das sich anschließende Seeversorgungsmanöver (in Marine-Sprech RAS – Replenishment at Sea – genannt) musste aufgrund von nicht passender Schlauchverbindungskupplung abgebrochen werden. Bei diesem Manöver fährt die Brandenburg mit ca. 45 Meter Querabstand an das Tankschiff heran. Dann wird eine Draht-Leinenverbindung zwischen den Schiffen hergestellt an der anschließend ein Tankschlauch übergeben wird. Da wir diese Verbindung aufgrund nicht passender Schäkel jedoch nicht sicher herstellen konnten, fand keine Kraftstoffversorgung auf See statt.

Das „Postbeutelmanöver“ bei dem anstatt der Schlauchverbindung lediglich eine Leine zwischen den Schiffen gespannt wird und zur Übergabe einer wasserdichten Posttasche dient, wurde wie geplant und sicher durchgeführt. Eine gute Übung für den Brücken-Wachoffizier und das seemännische Personal.

Zum Abschluss des gemeinsamen Tages fand in den Sonnenuntergang hinein ein sog. „Flotten- ballett“ statt. Eine Formationsfahrübung bei der sich die Schiffe in bestimmten vorgegebenen Formationen zueinander positionieren.
Auch wenn an diesem Tag nicht alles durchgeführt werden konnte wie geplant, so war es dennoch eine gute Übung für viele Bereiche der Besatzung und eine willkommene Abwechslung zum täglichen Einsatzgeschehen.

Da wir auf See nicht nachtanken konnten, sind wir am Dienstag, dem 11. April zu einem Bunker- stopp in Uzunada/Türkei eingelaufen und haben unsere Tanks dort aufgefüllt, bevor wir unsere Patrouillentätigkeit wieder aufgenommen haben.

Am heutigen Donnerstag, haben wir unseren ersten „See-Törn“ abgeschlossen und sind in der griechischen Hafenstadt Piräus eingelaufen. Piräus ist der Seehafen der Hauptstadt Athen.
Hier werden wir die Ostertage verbringen bevor wir Anfang nächster Woche wieder auslaufen werden.

Während des Hafenaufenthaltes werden wir ca. 25 Tonnen Lebensmittel und Kantinenware aus Deutschland erhalten und an Bord zu verstauen haben. Außerdem erwarten wir politischen Besuch aus Berlin (wobei ich nicht davon ausgehe, dass Sie davon etwas in den Nachrichten sehen werden). Zusätzlich zu der Möglichkeit Piräus und Athen „auf eigene Faust“ zu erkunden, werden auch Betreuungs- und Ausflugsfahrten zu den historischen Stätten angeboten.

Ich möchte Ihnen heute auch etwas über ein Projekt erzählen, welches wir derzeit an Bord durch- führen. Unter medizinischer Aufsicht unseres Schiffsarztes und unter sportlicher Anleitung der Sportoffiziere haben sich zahlreiche Kameraden für das Abnehm- und Fitnessprojekt „I make you Brandenburg“ angemeldet. Erklärtes Ziel der Teilnehmer ist es, ein wenig (oder auch etwas mehr) Gewicht zu verlieren und die eigene sportliche Fitness zu erhöhen. Wer genau sich daran beteiligt sollen Ihnen Ihre Angehörigen aber selbst erzählen – ich möchte ja schließlich keinen Leistungsdruck ausüben 🙂 Die gute Nachricht ist aber, dass alle Teilnehmer zusammen bereits über 75Kg Körpergewicht „abgespeckt“ haben. Der Salatverbrauch der Kombüse ist merklich angestiegen und die Sportgeräte und -veranstaltungen auf dem Flugdeck sind sehr hoch frequentiert.

Abschließend wünsche ich Ihnen allen schöne und erholsame Ostertage!

Bis zum nächsten Mal, Ihr

Christian Scherrer
Fregattenkapitän

 

P .S.

Die Postschlusszeit für unseren nächsten geplanten Hafenaufenthalt Ende April ist der 19.04.2017, d.h. Postsendungen, die uns während des Aufenthaltes erreichen sollen müssen bis zum 19.04.2017 in Wilhelmshaven eingegangen sein.

Für Ihre weitere Planung darf ich Ihnen noch die nächsten Termine des Familienbetreuungs- zentrums (FBZ) Wilhelmshaven ans Herz legen:

21.5.2017: Einsatzmesse im Gorch-Fock-Haus mit Vorträgen und Workshops 18.6.2017: Bootsfahrt zu den Seehundbänken
20.8.2017: Großes Sommerfest im Stützpunkt

Schriftliche Einladungen durch das FBZ folgen an die zur Betreuung angemeldeten in den nächs- ten Wochen. Weitere Infos und Anmeldung unter fbzwilhelmsahven@bundeswehr.org oder 0442/68-5511.
Zu allen Terminen dürfen auch gerne weitere Familienangehörige, Freunde und Bekannte mitge- bracht werden.

Sollten Sie wohnortbedingt von einem anderen FBZ betreut werden, aber den Kontakt zu den anderen Angehörigen der Brandenburg suchen, ist auf Wunsch auch ein Wechsel zum FBZ des Heimathafens möglich.

PDF mit Fotos vom Einsatz zum Download: Heimatinfo Nr. 2

Heimatbrief Nr. 1

Souda Bay, 29.03.2017

 

Liebe Familienangehörige und Freunde der Fregatte Brandenburg,

heute möchte ich mich zum ersten Mal mit einer „Heimatinformation“ an Sie wenden und von der Überfahrt nach Souda Bay auf Kreta berichten.
Nach vielen Wochen intensiver und anstrengender Vorbereitung sind wir, bei typischem Wilhelmshavener Schmuddelwetter, am 20. März pünktlich um 11:00 Uhr zu den Klängen des Luftwaffenmusikkorps aus Münster und begleitet von Saltutschüssen unserer Freunde der „Potsdamer Riesengarde Lange Kerls“ aus unserem Heimathafen ausgelaufen.

Neben vielen Familienangehörigen und Freunden wurden wir am Auslauftag auch von einer politischen Delegation aus unserem Patenland verabschiedet. Der brandenburgische Minister für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft, Jörg Vogelsänger, überbrachte uns Grüße und die besten Wünsche des Ministerpräsidenten und eine Delegation des brandenburgischen Landtages sowie der Kommandeur des Landeskommandos Brandenburg, Oberst Detlefsen, verabschiedeten sich ebenfalls persönlich mit den besten Wünschen von „ihrer Brandenburg“ und überbrachten auch Grüße und Geschenke des Reservistenverbandes Brandenburg und unseres Freundeskreises „Fregatte Brandenburg“ (www.fregatte-brandenburg.de oder auf Facebook „Freundeskreis Fregatte Brandenburg“).

Nachdem auch an Bord zahlreiche Abschiedstränen getrocknet waren, machten wir uns auf den Weg aus der Jade Richtung Helgoland. Unmittelbar nach Auslaufen wurde Besatzung durch sogenannte Stellproben für die wichtigsten Not-Manöver („Feuer im Schiff“ und „Mann über Bord”) auf die vor uns liegende Überfahrt eingestellt. Es war unsere Absicht, „Flugbetrieb“ mit einem Hubschrauber durchzuführen um sowohl den Piloten des Marinefliegergeschwaders aber auch unserer Besatzung die Möglichkeit zu bieten, das Verfahren im Umgang mit Bordhubschraubern und die dazugehörigen Starts und Landungen auf einer Fregatte zu üben. Leider meinte es das Wetter nicht gut mit uns bzw. den Hubschraubern. Regen und schlechte Sicht in Nordholz (dem Heimatstützpunkt aller Marinehubschrauber) ließen einen Start der Maschine nicht zu. Für uns die erste Enttäuschung des Tages – der Flugbetrieb musste ausfallen. Wir nutzten die Zeit für weitere „Mann über Bord“ Übungen und trafen die letzten Vorbereitungen für das auf uns zukommende schlechte Wetter.

Die Nacht über verblieben wir vor der Insel Helgoland, da wir am Dienstag noch ein Luftzielschießen durchführen wollten. Die nächste Enttäuschung ließ aber leider nicht lange auf sich warten. Das Zieldarstellungsflugzeug war zwar pünktlich im Schießgebiet, konnte aber wetterbedingt sein Schleppziel nicht ausbringen.

Nachmittags machten wir uns dann mit hoher Fahrt auf den Transit Richtung Englischer Kanal. Auf dem Weg Richtung Kanal begegnete uns die Fregatte Hessen auf dem Heimweg nach Wilhelmshaven. Per Morselampe hat uns die Besatzung eine gute Fahrt und gesunde Heimkehr gewünscht.

Mit dem Transit begann auch der Seegang merklich zuzunehmen. Bei vielen Besatzungsangehörigen wich die gesunde Gesichtsfarbe einem blass-fahlen-grünlichem Anblick. Das passiert auch erfahrenen Seefahrern 🙂 und alle haben gut gegen ihre Seekrankheit angekämpft. Die unruhige See hat uns dann durch die Biskaya und entlang der Küste Portugals begleitet. Zum Glück jedoch weniger schlimm als zunächst durch die „Wetterfrösche“ vorhergesagt. Die maximale Wellenhöhe betrug etwa 4 bis 5 Meter.

In den frühen Morgenstunden des 25. März sind wir bei niedriger See und merklich steigenden Temperaturen in den Sonnenaufgang hinein durch die Straße von Gibraltar gefahren. Ziel war die Bucht von Algeciras um dort zu „tanken“.
Direkt nach der Passage der Straße von Gibraltar durften wir dann direkt die so viel zitierte „mediterrane Gelassenheit“ live erleben.

Der Aussage des Lotsen, der Kraftstofftanker käme gegen 12:30 Uhr (Ankern war um 09:30), folgte eine lange Wartezeit, zahlreiche Telefonate mit dem Agenten, der Betreiberfirma und dem Skipper des Tankers. – Zunächst ergebnislos und uns blieb nichts anderes übrig als zu warten. Längsseits war das Tankschiff dann um 21:00 Uhr und die lang ersehnte Kraftstoffübernahme konnte endlich beginnen. Gegen 02:00 Uhr am Sonntagmorgen hatten wir schließlich ca. 380 m3 (also 380.000 Liter) Dieselkraftstoff übernommen und konnten den Anker lichten. Um 03:00 Uhr hatten wir die Bucht von Algeciras dann verlassen. Ursprünglich hatten wir sechs Stunden Ankeraufenthalt eingeplant. 😉

Die verlorene Zeit galt es nun durch entsprechend hohe Geschwindigkeiten wieder „reinzufahren“. Zwar außerhalb der Hoheitsgewässer aber doch nah an der Küsten Nordafrikas entlang ging es nun bei bestem Wetter weiter Richtung Osten.

Auf unserem Weg entlang der Küsten Marokkos, Algeriens und Tunesiens, nördlich an Malta vorbei und dann mit direktem Kurs Richtung Kreta haben wir die Zeit genutzt für weitere Ausbildungen in allen Bereichen – Brand-/ Schadensabwehr, wir haben das an Bord nehmen von in Not geratenen Personen geübt aber auch die Abwehrbereitschaft der Besatzung weiter geschult. Natürlich wurde in allen Bereichen auch PME, also planmäßige Materialerhaltung, betrieben. Es wurde entrostet und gepönt (gestrichen) und viele Besatzungsangehörige haben das tägliche Sportangebot der für diesen Einsatz eingeschifften Kameraden der Feldjägertruppe und unserer eigenen Sportoffiziere gerne angenommen. Bei 17°- 19°C Lufttemperatur macht abendlicher Sport auf dem Flugdeck nicht nur fit sondern auch Spaß.

Am Dienstag, 28.03. wurde das Wetter dann wieder etwas schlechter, der Wind nahm zu und es regnete. Auch die See hat leicht zugenommen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an gutes Wetter, Sonnenschein und ruhige See gewöhnen kann.

Am Mittwochmorgen wurde die Besatzung um 06:00 Uhr geweckt und wir befanden uns in direkter Ansteuerung auf den Hafen Souda Bay. Nach einem aufregenden Anlegemanöver haben wir um 10:00 Uhr Ortszeit, Heck an Heck zu der Fregatte Sachsen, die wir jetzt als Flaggschiff des Verbandes ablösen, in dem NATO-Hafen auf Kreta festgemacht. Bei angenehmen 15° Lufttemperatur haben wir unmittelbar mit den Vorbereitungen zum Umzug des internationalen Stabes von der Sachsen auf die Brandenburg begonnen.

Vor uns liegt nun ein anstrengender Hafenaufenthalt. Der Führungsstab um Admiral Deertz zieht zu uns an Bord, es warten schon die ersten Materiallieferungen aus der Heimat und wie in jedem “Gefechtsausbildung” auf der Brücke. Hafen sind natürlich auch hier kleinere Instandsetzungen und Reparaturen durchzuführen. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir auch Zeit finden werden, um den Frühling auf Kreta etwas zu genießen und Kraft für die vor uns liegenden Aufgaben zu tanken.

Sicherlich fragen sich viele von Ihnen „Was ist eigentlich der Auftrag der „Brandenburg“ in der Ägäis?“ Ich möchte versuchen, Ihnen diese Frage zu beantworten:

Bereits seit Jahren gibt es zwischen dem türkischen Festland und den östlichen griechischen Inseln einen unkontrollierten und ungeordneten Migrationsstrom. Im Jahr 2015 kam es aus verschiedenen Gründen zu einem extremen Anstieg der Migrationsbewegungen. In 2015 überquerten insgesamt rund 853.000 Menschen die Ägäis (meist mit Hilfe von illegalen Schlepperbanden), das waren fünfmal so viele wie in 2014. Der in dieser Größe bisher nicht gekannte Migrationsstrom ließ die griechischen Aufnahmelager schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Im Februar 2016 beschlossen die Bundesregierung und die türkische Regierung das von dem Migrantenstrom betroffenen Seegebiet stärker zu überwachen und die Zusammenarbeit zwischen griechischer und türkischer Küstenwache sowie FRONTEX (die EU-Grenzschutzagentur wurde 2005 gegründet und soll dazu beitragen, die EU-Außengrenzen zu schützen) zu verbessern. In diesem Zusammenhang wurde beschlossen, die NATO um Unterstützung zu bitten.

Die NATO-Verteidigungsminister kamen überein, dass das Bündnis einen Beitrag zu den bisherigen europäischen Maßnahmen gegen Schleuserkriminalität in der Ägäis leisten wird. Diesen Auftrag sollte die „Standing NATO Maritime Group 2“, also der ständige NATO Einsatzverband übernehmen. Dieser Verband stand seinerzeit unter deutscher Führung und die Schiffe des Verbandes haben Anfang März 2016 mit ihrer Patroullientätigkeit in der Ägäis begonnen.

Die NATO leistet in der Ägäis also einen Beitrag zur Lagebilderstellung – und arbeitet dazu mit der griechischen und türkischen Küstenwache und FRONTEX zusammen. Aus diesem Grund haben wir auf der Brandenburg als Führungsschiff des Verbandes zusätzlich zu dem internationalen NATO-Stab des deutschen Verbandsführers (Flottillenadmiral Deertz) auch einen türkischen und einen griechischen Verbindungsoffizier sowie einen Verbindungsbeamten zu FRONTEX an Bord. Ziel ist es, Informationsaustausch und Reaktionszeiten zu verbessern, damit nationale Behörden gegen Schlepper vorgehen können.

Unser Kernauftrag ist „Beobachten und Melden!“ Wir haben nicht den Auftrag, gegen Schlepper oder Schleuser vorzugehen, sondern durch unsere Aufklärung Transparenz über das Vorgehen von Schleusern herzustellen. Auch gehört das Aufnehmen und Verbringen von Migranten in ein EU-Land nicht zu den Aufgaben des Verbandes. Ebenso wenig das Zurückweisen von Flüchtlingen oder die Übernahme der Aufgaben der Küstenwachen in der Ägäis.

Selbstverständlich gilt auch hier in der Ägäis, dass Schiffbrüchige ohne Ansehen der Person gerettet werden – dies ist die Pflicht eines jeden Seemanns!
Somit ist die Seenotrettung auch nicht Teil unseres militärischen Auftrages, sondern immer und überall geltende Verpflichtung! Allerdings sind die Behörden eines Landes in den eigenen Hoheitsgewässern für den Such- und Rettungsdienst verantwortlich. In unserem Operationsgebiet Ägäis sollen daher im Regelfall auch Fahrzeuge der griechischen und türkischen Küstenwache Menschen übernehmen, die aus Seenot gerettet wurden.

Ist das, was die NATO tut erfolgreich und sinnvoll?
Im Jahr 2016 überquerten rund 173.000 Menschen die Ägäis, was einem Rückgang gegenüber 2015 von rund 79% entspricht. Seit Beginn der NATO-Aktivität im März 2016 gelangten rund 28.000 Menschen über die Ägäis. Das entspricht der Zahl, die Ende 2015 (vor dem NATO-Einsatz) noch in drei bis vier Tagen (!) erreicht worden war.
Im Januar 2017 ging die Zahl auf etwa 1.400 Menschen zurück.

Ich hoffe, dass Sie nun besser einordnen können, was die Brandenburg die nächsten Monate machen wird. Ich werde aber auch zukünftig über unsere Erlebnisse berichten.

Bis zum nächsten Mal, Ihr

Christian Scherrer

Fregattenkapitän